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Positional Value in der modernen NFL

Begonnen von 49erflo, So, 20. Okt. ’19, 15:04

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49erflo

Nachdem wir den Tracking the Player Moves 2019 Thread nicht weiter komplett belagern sollten, erstelle ich mal das generelle Thema "Positional Value".

In der heutigen NFL wird anderer Football gespielt als noch in den 80er oder 90er Jahren. Es wird mehr gepasst, besonders in den frühen Downs. Man hat viel über die Austauschbarkeit von Spielern auf manchen Positionen gelernt. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich Bereiche, die aktuell weiter untersucht werden und nicht abschließend geklärt werden konnten.

Wenn Neuerungen in die Welt des Footballs kommen, ist hier ein guter Platz, um darüber zu diskutieren.
Establish the Pass.

49erflo

Beginnen wir mit der gerade entbrannten Debatte um Pass Rush vs. Coverage.

Entfacht wurde diese hier im Forum durch den Trade von Jalen Ramsey. Dieser ist ein junger, sehr talentierter Cornerback, der kurz vor seinem ersten großen Vertrag steht. Trotzdem gehört er schon zu besten Spielern der Liga auf der Position. Er spielt aktuell in seiner letzten Saison unter dem Rookievertrag und es besteht noch die Möglichkeit der 5th-Year-Option für die Rams. Diese liegt bei knapp 14 Mio Dollar. Er wird vermutlich alsbald eine Verlängerung unterschreiben, die diejenige von Xavien Howard bei den Dolphins (75 Mio für 5 Jahre) pulverisieren wird.

Warum bezahlt man als LA Rams nun zwei First-Rounder und einen Fourth-Rounder für diesen Spieler? Einen Spieler, der (wie in der bisherigen Diskussion bereits fiel) nicht in jedem Play relevant ist? Ein Spieler, der eklatant vom Pass Rush des Teams abhängt? Zumindest sehen wir das doch dieses Jahr bei den Niners, die nur im Pass Rush besser spielen und schon eine der besten Defenses der Liga stellen. Oder?

ProFootballFocus (PFF) ist ein Unternehmen in den USA, das sich dem Thema Analytics im Football verschrieben hat. Die meisten kennen Analytics mittlerweile bestimmt, sie wurden besonders im Baseball durch die Oakland Athletics und den Film "Moneyball" berühmt. Hierbei ging es darum, potenteren Organisationen durch ein anderes, analytischeres Vorgehen im Scouting einen Schritt voraus zu sein. So sollte der enorme Wettbewerbsnachteil ausgeglichen werden. Diese Entwicklung trifft auch den American Football.

Und PFF begann, jeden Spieler in jedem Play in jedem Spiel zu bewerten. Daraus resultieren ihre Grades. Ein Spieler erhält u.a. eine Pass Rush Grade sowie eine Coverage Grade. Diese Grades dienen vor allem als Grundlage für ihre vorgelegte Studie zum Thema Coverage vs. Pass Rush, die sie im Mai 2019 veröffentlichten.

Aus dieser Studie ließen sich einige interessante Dinge mitnehmen.


Warum erhalten Pass Rusher so viel Aufmerksamkeit? Für jeden elitären Cornerback kann der geneigte Fan vier, fünf überragende Pass Rusher aufzählen.

1. Pass Rush ist wichtig. Er macht eine gegnerische Offense schlechter und führt dazu, dass gegnerische QBs weniger konstant liefern können.

2. Die Passing% und Play-Action% in der NFL ist mittlerweile höher geworden. Es wird nicht mehr hauptsächlich im dritten Down (bevorzugt noch bei 3rd & long) geworfen. Besonders früher oder auch heute noch in weniger modernen Offensen gab/gibt es hier sehr oft das Aufeinandertreffen der dominanten Pass Rusher, die durch dieses Setup perfekt in Szene gesetzt wurden und mit Highlight Plays glänzen konnten/können.

3. Zuletzt hat die Art, wie das Spiel übertragen wird, einen unglaublichen Einfluss auf unser Empfinden. Man sieht von der Seitenlinie aus Pass Rusher gegen Offensive Linemen darum kämpfen, ihr Duell zu gewinnen. Kommt der Rusher zum QB, war es ein tolles Play von ihm. Schafft er es nicht und der Pass wird angebracht, schwenkt die Kamera währenddessen in das Backfield und man sieht den geschlagenen Corner. Die schlechten Plays des einzelnen Pass Rushers gehen viel eher unter als die des Cornerbacks. Selbst wenn die Coverage unglaublich gut aussieht, kann immer noch ein Rusher die Lorbeeren davontragen, wenn er nach vier Sekunden den QB sackt. Dass dafür vor allem die Coverage verantwortlich war, sieht man allerdings nicht und es wird auch von den Kommentatoren nur äußerst selten und in extremen Fällen eingeordnet.


Wenden wir uns der statistischen Analyse zu. Ich möchte es gar nicht alles komplett übernehmen, sondern die wichtigsten Erkenntnisse kurz vorstellen.

Es gibt eine Korrelation zwischen Pass Rush und Coverage. Sie ist aber sehr gering.
Dies spricht beispielsweise gegen das Argument, dass die Niners Secondary dieses Jahr durch die Addition von Bosa & Ford besser aussieht. Sie spielen wahrscheinlich auch einfach deutlich besser.




Die Leistung von Pass Rushern ist über mehrere Saisons verteilt konstanter.
Dieses Argument ist ein Punkt dafür, lieber einen Pass Rusher teuer zu bezahlen als einen Cornerback. Das bestätigt auch das Gefühl, wenn man beispielsweise an den Vertrag für Josh Norman denkt. Cornerbacks produzieren von Zeit zu Zeit "Ausnahmesaisons". Das passiert bei Pass Rushern weniger. Zumindest wenn man sich nicht von schlechten Stats wie zB Sacks in die Irre führen lässt. Vic Beasley freut sich, dass er trotzdem über 12 Mio verdient, weil er in 2016 mal eine absurd hohe Conversion Rate für Sacks hatte, wenn man seine Pressure-Zahlen ansieht. Dieses Beispiel verdeutlicht allerdings auch, warum dies bei PFF weniger passieren kann. Diese hatten bereits direkt nach der Saison prognostiziert, dass seine Stats eine starke Regression erleiden würden.


Coverage korreliert mit der defensiven Gesamtleistung deutlich mehr als der Pass Rush.
Hierfür werden sowohl die Coverage bzw. Pass Rush Grades berücksichtigt und mit den EPA-Werten (Expected Points Added) der Defense insgesamt in Zusammenhang gebracht. Man sieht: Cover das Spiel über die Receiver gut, dann wirst Du wahrscheinlich besser sein als wenn Dein Pass Rush regelmäßig Druck auf den QB macht. Wobei natürlich beides einen positiven Effekt hat.




Was nimmt man daraus nun mit? Eine exzellente Coverage ist anscheinend wertvoller als ein exzellenter Pass Rush. Leider sind Cornerbacks allerdings anfälliger für schlechte Leistungen in der Zukunft trotz guter Leistungen in der Vergangenheit.


Ein Artikel von ForTheWin bringt es ziemlich gut auf den Punkt, wenn er sagt.
ZitatEinen exzellenten Pass Rusher zu finden, ist deutlich einfacher als einen exzellenten Cornerback zu finden und ihn entsprechend zu bezahlen. Es mag wichtiger sein, eine gute Secondary zu bilden als einen guten Pass Rush, es ist allerdings auch deutlich schwieriger. Für die Manager im Front Office, die zu entscheiden haben, in welche Teile sie die wertvollen Team-Ressourcen unter Betrachtung des Salary Caps und Drafts stecken, ist das eine unbefriedigende Antwort. Dies bedeutet allerdings nicht, dass es nutzlose Informationen sind. Es scheinen besonders für Coaches sehr wichtige Informationen zu sein, wenn es darum geht, ihr Scheme aufzubauen.


Wer daran noch mehr Interesse hat, dem empfehle ich diesen Artikel dringend. Hier werden noch Plays und Ansätze erklärt.

Ich hatte das Beispiel der Patriots bereits erwähnt. Diese nutzen schon jetzt schematische Tricks, um ohne individuell starken bzw. teuren Rusher Druck auf den QB zu generieren. Dies geschieht einerseits dadurch, dass die Offense nie weiß, woher der Druck kommt und dadurch Linemen teilweise komplett nutzlos in der Gegend herumstehen ohne einen Spieler zu blocken während auf der anderen Seite 1-1 Duelle oder schlimmeres erzwungen werden und andererseits natürlich auch dadurch, dass sich viele und sehr gute Spieler in Coverage befinden. Dadurch kann der QB den Ball nicht einfach schnell loswerden und Pressure verhindern.
Establish the Pass.

vorschi

Schöne Erläuterung! Ich für meinen Teil finde ja dass man sich mit dem Thema etwas genauer beschäftigen muss, bevor man eine Aussagen treffen kann.

Derzeit liest man ja oft von "Wir haben jetzt Bosa und Ford, das macht die Secondary besser, dort wurde ja nichts verändert". Klingt im ersten Moment logisch, stimmt aber nicht (ein gutes Beispiel dafür werde ich weiter unten bringen). Ein guter Passrush lässt die Secondary vielleicht besser aussehen, er macht sie aber nicht besser. Seinen Gegenspieler decken muss der DB immer noch selber. Und wenn er das nicht kann, hilft dir auch der beste Passrush nichts. Was durch einen solchen sehr wohl besser wird ist die Chance auf Turnovers, das hat man auch schnell gemerkt dieses Jahr.

Wenn man sich die Coverage Unit in der All-22 mal genauer ansieht, erkennt man schnell dass sie nicht (nur) durch den stärkeren Passrush besser aussieht. Die Coverage ist deutlich enger, die Zonen-Verteidigung klappt besser, es werden kaum mehr Fehler gemacht. Die gesamte Secondary spielt auf hohem Niveau, und das ist für mich ein wesentlicher Grund, warum die Niners derzeit so eine starke Passing Defense haben, noch vor unseren dominanten Rushern wird etwa Dee Ford.

Klar ist, der Passrush beeinflusst die Coverage, und umgekehrt. Derzeit spielen beide Units sehr stark, wodurch man die gegnerischen QBs sowohl durch Druck, als auch durch enge Deckung in Schwierigkeiten bringt. Zu sagen, die Secondary sei nur durch den guten Passrush so gut, ist aber einfach nicht richtig.

Ich hab in einem anderen Post bereits die Eagles bzw. Titans genannt, die gute Beispiele für diese These darstellen:

Die Eagles haben derzeit durch Verletzungen und schwache Leistungen in der Secondary enorme Probleme, den Pass zu stoppen, trotz ihrer sehr starken Defensive Line. Der gute Passrush hat kaum Impact, da die Eagels-Cornerbacks oftmals schon kurz nach dem Snap ihre Coverage nicht halten können und der QB einen schnellen Pass anbringen kann. Ergebnis: Die Eagles haben eine der schlechtesten Passing-Defenses der Liga.

Die Titans auf der anderen Seite haben einen (in meinen Augen) durchschnittliche D-Line, aber dafür eine überragende Secondary. Auch wenn die Line hier deutlich weniger Druck erzeugen kann als jene der Eagles, schaffen es die Cornerbacks ihre Gegenspieler deutlich besser zu covern und ermöglichen so kaum schnelle Würfe auf freie Receiver, weil es die kaum gibt. Ergebnis: Die Titans haben eine der besten Passing-Defenses der Liga.

snoopy

Zitat von: vorschi am So, 20. Okt. ’19, 18:02
Klar ist, der Passrush beeinflusst die Coverage, und umgekehrt. Derzeit spielen beide Units sehr stark, wodurch man die gegnerischen QBs sowohl durch Druck, als auch durch enge Deckung in Schwierigkeiten bringt. Zu sagen, die Secondary sei nur durch den guten Passrush so gut, ist aber einfach nicht richtig.

Schon klar. Hast du Kreisklasse im Backfield, müssen die Rusher schon ein S auf ihrem roten Umhang haben.
Ein guter Rush macht aber natürlich die DBs besser. Schon alleine, wenn du die langen Routen vernachlässigen kannst, den Safety z.B. gegen das Laufspiel vorziehst etc.
Sollte man weiterhin trotz der Pauschalaussage "Passing-Liga" nicht vernachlässigen. Es ist aber immer noch ein Teamsport und der Rush funktioniert ja auch nicht immer.

Was mich auf der anderen Seite allerdings auch wundert: warum wird nicht mehr Draw gespielt gegen gute Rusher?
OwensOwensOwensOwensOwens!!!!CAUGHTIT!hecaughtithecaughtithecaughtit!!!

49erflo

Mal sehen, ob hier noch mehr Schwung in diesen Thread kommt. ;D
Ich kann verstehen, dass das ein ziemlicher "Nerd-Ansatz" ist und alles etwas anstrengend, bis man mal drin ist, aber ich verspreche allen: Es lohnt sich!

Interessante Statistik: Bei der von ESPN aufgesetzten Statistik "Pass Rush Win Rate" (PRWR) liegen die 49ers im absoluten Liga-Durchschnitt. Diese Statistik wird mit Tracking Daten erfasst. Es geht dabei ganz einfach darum, ob ein Pass Rusher seinen Gegenspieler innerhalb von 2,5 Sekunden schlägt oder nicht. Hintergrund ist, dass die durchschnittliche Dauer bis ein QB passt, normalerweise bei 2,5-3 Sekunden liegt. Schlägt der Rusher den Spieler erst später und kann dadurch einen Sack erreichen, ist das quasi nicht sein Verdienst sondern der des QB selbst bzw der der eigenen Coverage.

Nun ist dieser Stat noch sehr neu und wenig ausgegoren. Er dient mehr als Indiz. Als Gegenargument wurde aufgeführt, dass bei solchen Tracking Daten ein Edge Bender á la Von Miller einen deutlichen Vorteil gegenüber einem Spieler mit überragendem Bull Rush hat. Das ist eventuell nicht ganz von der Hand zu weisen, schiebt der Bull Rusher den O-Liner ja auch vor sich her.

Ein weiteres Argument war, dass die Niners zu den am wenigsten blitzenden Teams gehören, ich meine sie sind auf Platz 30 in der Liga. Und bei einem Blitz gibt es natürlich deutlich mehr 1-1 oder gar freie Rusher, die den Schnitt nach oben ziehen. Dem wurde dann gegenübergestellt, dass wir auch bei der Betrachtung der Plays, in denen ein Four-Men-Rush eingesetzt wurde, zur Ligamitte gehören. Durchaus überraschend, oder?

Auf der anderen Seite haben unsere Spieler laut PFF die zweitbesten Pass Rush Grades.
Establish the Pass.

49erflo

Zitat von: snoopy am Mo, 21. Okt. ’19, 08:02
Ein guter Rush macht aber natürlich die DBs besser. Schon alleine, wenn du die langen Routen vernachlässigen kannst, den Safety z.B. gegen das Laufspiel vorziehst etc.

Ersteres halte ich für gewagt. Selbst der beste Pass Rush schafft es nicht, einen QB permanent unter Druck zu setzen. Der hat in der Regel trotzdem mindestens genauso viele Würfe aus einer sauberen Pocket heraus als andersrum. Da nur Press Coverage zu spielen und die Go-Route zuzulassen, während nur ein FS absichert und der SS an der Box den Robber gibt... Huiuiui. Ich glaube, das wird als Scheme eher selten zum Erfolg führen und unsere DBs spielen das afaik auch nicht so.


Zitat von: snoopy am Mo, 21. Okt. ’19, 08:02
Was mich auf der anderen Seite allerdings auch wundert: warum wird nicht mehr Draw gespielt gegen gute Rusher?

Sehr guter Punkt. 538 hat dazu im Januar diesen Jahres einen sehr schönen Artikel verfasst.

Quintessenzen:
- 2018 wurden pro Team nur noch 0,5 Draws pro Spiel gecallt.
- Der Draw ist in frühen Downs erfolgreicher als ein durchschnittliches Run Play.
- Er funktioniert gerade gegen leichte Defenses (<7 Mann in der Box) sehr gut.
- Andy Reid spielt ihn verhältnismäßig oft. Die Seans Payton und McVay verzichten nahezu komplett darauf.
- In Kansas City waren von den 16 Draw Plays 10 efolgreich (62,5%!!). Der durchschnittliche Run bringt im frühen Down eine Success Rate von gerade mal 38%.
Establish the Pass.

snoopy

Zitat von: 49erflo am Mi, 23. Okt. ’19, 14:26
Ersteres halte ich für gewagt. Selbst der beste Pass Rush schafft es nicht, einen QB permanent unter Druck zu setzen. Der hat in der Regel trotzdem mindestens genauso viele Würfe aus einer sauberen Pocket heraus als andersrum. Da nur Press Coverage zu spielen und die Go-Route zuzulassen, während nur ein FS absichert und der SS an der Box den Robber gibt... Huiuiui. Ich glaube, das wird als Scheme eher selten zum Erfolg führen und unsere DBs spielen das afaik auch nicht so.
Habe ich auch so nicht geschrieben.
Hier das volle Risiko zu gehen ist, naja, ein Risiko.
Aber: wenn eine O weiß, dass sie eher 2 als 3 Sekunden ihre Pocket sauber halten kann, stellt sie sich drauf ein. Einen 40m-Fade wirst du halt eher selten sehen.
Und wenn ich als DB das wiederum weiß, hilft mir das schon weiter.
Wenn der QB dazu neigt, zu scramblen, muss ich natürlich überlegen, ob ich das Backfield gut abdecke, oder eher den QB jage...
OwensOwensOwensOwensOwens!!!!CAUGHTIT!hecaughtithecaughtithecaughtit!!!

49erflo

Das verstehe ich. Aber um konkret zu werden: Ab welcher Pressure-Rate sollte ein DB die Routen denn deutlich aggressiver spielen? 40%? 50%? 75%?
Establish the Pass.

snoopy

Da wird es nie eine Regel geben. Nächste Frage: reagiert die Front 7 auf den playaction ?
OwensOwensOwensOwensOwens!!!!CAUGHTIT!hecaughtithecaughtithecaughtit!!!

stig49

Sehr interessant. Das bedeutet also, dass Pass Rush dann einen Unterschied macht, wenn die secondary grobe Fehler vermeidet, und das im Zweifelsfall die Leistung der secondary unterbewertet wird. Deckt sich mit meinem Eindruck. War aber nur ein Eindruck.

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